News > SEX 2.0 – Sexualitäten, Intimitäten und Beziehungen im Zeitalter neuer Medien

COURAGE PartnerInnen-, Familien- und Sexualberatungsstelle am 7.2.2013
Presseaussendung:
Wien, 19. – 20. April 2013, Internationale Fachtagung der ÖGS - Österreichische Gesellschaft für Sexualforschung & BERATUNGSSTELLE COURAGE:
SEX 2.0 – SEXUALITÄTEN, INTIMITÄTEN UND BEZIEHUNGEN IM ZEITALTER NEUER MEDIEN

Seit der Einführung und Etablierung des Internets befinden sich unsere Gesellschaften in einem rasanten Transformationsprozess: Internet und neue Medien (wie E-Mail, Handy, Computerspiele, Chat, Instant Messaging) haben die Art und Weise unserer Konnektivität mit anderen Menschen vervielfacht und Beziehungsstrukturen einschneidend und gravierend verändert.
Während der Buchdruck vor allem die Zeit verkürzte, mit der Wissen weitergegeben werden konnte, verdichten Internet und neue Medien auch geographische Räume: Menschen am anderen Ende der Welt werden zu Nachbarn in einem globalen Dorf. Die Formen, wie wir mit anderen Menschen in Verbindung treten (können), zu ihnen Beziehungen gestalten (können), haben sich in einer Weise verändert, die wir heute wahrscheinlich noch gar nicht zur Gänze begreifen - geschweige denn erklären können.

Spürbar werden diese Veränderungen auch in den kleinsten Bausteinen unserer Gesellschaft: Familien, Familienverbände und PartnerInnenschaften. Wie sich Internet und neue Medien auf unsere Beziehungen mit/zu anderen Menschen auswirken, hat wiederum direkten Einfluss auf unser Zusammenleben und die gesellschaftliche Ordnung. Neue mediale Räume entstehen, die aktiver denn je von Jung und Alt genutzt werden.

Dabei sind - abhängig von der individuellen Nutzung - alle biologischen und sozialen Geschlechter betroffen. Mehr noch: Internet und neue Medien eröffnen neue Bereiche und Perspektiven: Sie zeigen eine globale Entwicklung auf, die nicht mehr von "nur zwei" Geschlechtern (und noch weniger von einer dichotomen GeschlechtspartnerInnenorientierung) spricht. Ebenso verändern die neuen Medien auch unseren Blick auf Körper und Körperkulturen; ein neuer Fokus auf Körperkonstruktionen und die Veränderung des Verständnisses unseres Körpers und unsere Beziehung zu diesem wird möglich.

Einhergehend mit all diesen Veränderungen wird nicht zuletzt das Tabuthema Sexualität in den Fokus gerückt. Die Konfrontation mit Sexualität(en) in den neuen Medien bricht notwendigerweise alte Tabus auf. PsychotherapeutInnen, MedizinerInnen, PsychaterInnen, PsychologInnen, PädagogInnen, SozialarbeiterInnen… sehen sich dabei ebenso mit neuen Fragen zu neuen wie alten Themen konfrontiert wie der Rest unserer Gesellschaft. Sexualität bezieht sich z.B. nicht mehr nur auf „reales“ Sexualverhalten. Menschen können über Chaträume anonym über ihre sexuellen Wünschen und Phantasien „sprechen“, sich zu schnellen sexuellen Kontakten verabreden. Pornographien werden vertrieben, konsumiert und weitergereicht. Alle Facetten menschlichen Seins und Fühlens werden in einer neuen Art und Weise subjektiv potenziert, während gleichzeitig so manche „Primärerfahrung“ den scheinbar „virtuellen“ Kontakten hintan steht.

Dies gilt erst Recht für jene jungen Generationen, die von Kindheit an auch durch die neuen Medien sozialisiert werden. „Sie sehen Pornos mit 12, haben Sex mit 13 und mit 14 werden sie schwanger“, titelte die Süddeutsche Zeitung bereits 2009. Der Erstkontakt von Kindern und Jugendlichen mit pornografischen Darstellungen erfolgt immer früher, viele sprechen von einer „Generation Porno“. Die immer billiger verfügbaren Geräte werden kleiner, mobiler und können immer mehr. Im Trend liegen insbesondere Handys mit Internetzugang. Die Multifunktionalität übt speziell auf junge Menschen eine hohe Faszination aus.

Dank der einfachen und kaum kontrollierbaren Verfügbarkeit elektronischer Medienangebote werden viele Kinder und Jugendliche mit Inhalten konfrontiert, die – ohne entsprechende Mediennutzungs-kompetenzen – für ihre soziosexuelle Entwicklung problematisch sein können. Speziell nicht alters-adäquate Darstellungen von Sexualität und (sexualisierter) Gewalt überfordern Eltern, Familien und Schulen. Gespräche über Sexualität zu führen, insbesondere über die in der Vergangenheit tabuisierten Themen, stellt hohe Anforderungen an Eltern und ihre Kinder – aber auch an beratende Personen: Wie lässt es sich wertschätzend und empathisch über die neuen und alten Herausfor-derungen kommunizieren? Und wie können eigene Bedürfnisse und auch Grenzen vermittelt werden?

Die neuen Medien verändern aber nicht nur unsere Sexualität(en), sondern auch deutlich Beziehungsdynamiken und Kontaktverhalten vieler NutzerInnen: Immer mehr Beziehungen kommen über das Internet zustande. Die Partnerwahl wird "treffsicherer", manche Differenzen werden vorab scheinbar ausgeräumt. „Sexuelle Minoritäten“ mit speziellen Vorlieben finden heute die "Nadel im Heuhaufen" via Internet. Anbahnen und Beendigen von Beziehungen via E-Mail, Chat, Videotelefonie und SMS verändern und beschleunigen die Phasen des Werbeverhaltens: So schnell, wie Beziehungen begonnen haben, werden sie auch beendet. Man spart sich „Real-Life-Konfrontationen“ und mühsame Beziehungsarbeit. Beziehungen werden über geografische und zeitliche Distanzen gelebt. Vor dem Bildschirm kann Sexualität ohne körperliche Berührungen erlebt werden. In so mancher Beziehung werden Handys und soziale Plattformen zu Kontrollinstrumenten. „Virtelles Fremdgehen“ wird für viele Paare schmerzhaft (oder auch lustvoll) real. Auch die steigenden Zahlen von Cybersexsüchtigen schaffen viel Leidensdruck in PartnerInnenschaften und Familiengefügen. Sex via Bildschirm scheint für Betroffene angenehmer, braucht keine langen Gespräche, romantische Atmosphäre oder lästiges Vorspiel. Man bleibt anonym und distanziert, per Mausklick kann man jederzeit wieder abschalten. Die leichte Verfügbarkeit kann zu einer "Dosis-Verstärkung" führen, sexuelle Reize werden beziehungsferner.

Zusammenfassend lässt sich also sagen: Sexualitäten, Intimitäten und Beziehungen werden zu immer bedeutsameren Erlebniswelten in den neuen Medien. Die Fachtagung SEX 2.0 – SEXUALITÄTEN, INTIMITÄTEN UND BEZIEHUNGEN IM ZEITALTER NEUER MEDIEN stellt sich der Herausforderung einer Analyse und Reflexion des Status Quo. Die im World Wide Web neu konstruierten Räume und gelebten Neosexualitäten sollen dargestellt, diskutiert und hinterfragt werden. Moderne Kommunikationsprozesse beleuchtet werden, um verstehen zu können, wie sich Identitätsstiftung und -bildung in einem globalen Netz aus sozialen Beziehungen und Gruppen verändern. Dabei geht es nicht zuletzt um das Spannungsfeld zwischen Virtualität und Realität:

- Was machen Mädchen und Jungen, Frauen und Männer im und mit dem Internet, was macht das Internet mit ihnen?
- Wie verändern Internet und neuen Medien Beziehungen und Sexualitäten? Nutzen intime und sexuelle Erfahrungen im Netz nur ein neues Kommunikationsmedium oder entfalten die virtuellen Möglichkeiten eine Eigendynamik und verändern so die realen sexuellen Erlebnisräume und Beziehungswelten?
- Ist die virtuelle Erfahrung mit Sex im Internet eine Möglichkeit der Orientierung im Sinne des Probehandelns oder schränkt sie individuelle Fantasieräume ein und oktroyiert den Subjekten Vorlagen auf, von denen sie dann abhängig werden?
- Bricht die Konfrontation mit Sex im Internet notwendige Tabus auf oder verwischt sie die Grenze zwischen Fantasie und Realität und führt gar zu mehr sexueller Gewalt?
- Wie real ist das im Netz Erlebte, wie wirklich die virtuelle Realität? Sind die in und mittels neuer Medien gelebten Sexualitäten und Beziehungen Realitäten und/oder Fantasieprodukte?
- Welche Folgen zeitigt die Möglichkeit, in beliebigen (Geschlechts-)Rollen und (sexuellen) Identitäten miteinander zu verkehren?
- Oder ist das Netz nur ein riesiger Warenkatalog, für den mehr denn je das alte „sex sells“ gilt?

Die ÖGS – Österreichische Gesellschaft für Sexualforschung und die BERATUNGSSTELLE COURAGE stellen sich als Veranstalterinnen mit der Fachtagung SEX 2.0 – SEXUALITÄTEN, INTIMITÄTEN UND BEZIEHUNGEN IM ZEITALTER NEUER MEDIEN der Herausforderung einer Analyse und Reflexion, bieten die Möglichkeit zum Diskurs und Austausch neuester humanwissenschaftlicher Erkenntnisse und Entwicklungen; sie stellen sich den Herausforderungen der Gegenwart, um neue Wege in die Zukunft zu erarbeiten.

Rückfragehinweise: COURAGE, Tel.: 01/585 69 66, info@courage-beratung.at

Ausführliche Informationen zum Programm und zur Anmeldung finden Sie unter

http://www.courage-beratung.at/fachtagung
Quelle: Presseaussendung 07.02.2013



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